Cobra, übernehmen Sie!
Die Kreisleitstelle Wesel
Retten, löschen, bergen ist draußen. Die Mitarbeiter der Kreisleitstelle Wesel hören, fragen und schicken. Und sie entscheiden in Sekunden, ob ein Notruf lebenswichtig oder total überflüssig ist.
Die Männer in den weißen Hemden stehen im Dauerstress. Kein Wunder. Wenn bei ihnen das Telefon klingelt, muss es schnell gehen. Denn ein Mensch im Kreis Wesel ist in Not. Ein Besuch in der Kreisleitstelle Wesel (KLW). „Das sind etwa 500.000 Bürger in 14 Städten und Gemeinden, die wir hier in der Leitstelle betreuen“, erklärt Arno Hoffacker, zweiter Chef der Kreisleitstelle. Dies ist nicht wenig, drum scheut er auch den Vergleich zu den Großstädten Duisburg und Düsseldorf nicht. Rund 2000 Gespräche nehmen die 22 Beamten, die in mehreren Schichten Dienst tun, täglich an. Darunter Anrufe von Menschen, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben Zeugen eines schweren Unfalls geworden sind. Oder aber von solchen, die sich einen schlechten Scherz erlauben. Die gibt‘s auch. Leider.
Ruhe bitte, Notruf
Wenn jemand im Kreisgebiet die 112 oder 19222 (für den Krankentransport) gewählt hat, dann erscheint der Anruf auf einem der vier Bildschirme, die an jedem der fünf Arbeitsplätze stehen. Ein Druck mit dem Zeigefinger auf das Display genügt und der Disponent, so heißen die Mitarbeiter in den Leitstellen, nimmt den Anruf an. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn oft sind am anderen Ende der Leitung Menschen, die Panik haben und einfach nur wollen, dass so schnell wie möglich Hilfe kommt. Mit gezielten Fragen versucht der Mann von der 112 vom Anrufer alle wichtigen Informationen zu erfahren, um die richtigen Helfer an den richtigen Ort zu schicken.
Das ist nicht immer so einfach. Immer wieder endet das Gespräch zu früh, legen Anrufer einfach auf. Vor Aufregung, sonst hätten die Menschen am anderen Ende der Leitung sicher nicht das letzte der fünf W's vergessen: Warten auf Rückfragen.
90 Sekunden haben die erfahrenen Feuerwehrleute und Rettungsassistenten offiziell Zeit, um sich ein Bild von einem Unfall, einer Erkrankung oder einem Feuer zu machen. Mit Routine und viel Computertechnik schaffen sie den Überblick in der Regel aber viel schneller: „30 Sekunden dauert es durchschnittlich von der Annahme des Gesprächs bis zur Alarmierung der Einsatzkräfte“, erklärt Hoffacker.
In dieser Zeit müssen detaillierte Angaben in das Computer-System mit dem Namen Cobra eingetippt werden. Damit das schnell geht, hilft das Programm und macht Vorschläge. Brennt es zum Beispiel in einer Wohnung in Moers auf der Karlstraße, dann schlägt das Programm alle Städte mit „M“ vor, sobald der erste Buchstabe getippt ist. Genauso geht’s mit Straßen.
Jetzt zählen die Sekunden
Ist klar, was wo passiert ist, schlägt der Rechner auch noch vor, wer zu alarmieren ist. Dafür haben alle Städte und Gemeinden ihre Alarm-und Ausrückeordnung im Programm hinterlegt. In unserem Beispiel sind die hauptamtliche Wache und der Löschzug Scherpenberg zu alarmieren. Aber was ist, wenn etwa die Kollegen der Wache bei einem Unfall auf der Autobahn sind? Dann schlägt Cobra zusätzlich den Löschzug Asberg vor und dann Stadtmitte.
Die Technik macht aber noch mehr möglich. Sie zeigt zum Beispiel an, welches Fahrzeug gerade im Einsatz ist oder welches zur Verfügung steht. Das können die Disponenten alles am Bildschirm mitverfolgen. Die Ziffer „2“ vor dem Kürzel für das Tanklöschfahrzeug des Löschzuges Scherpenberg etwa heißt, dass der Wagen einsatzbereit im Gerätehaus steht. Noch sind GPS-Sender auf allen Fahrzeugen zwar Zukunftsmusik, „die technischen Möglichkeiten dazu haben wir aber schon“,so Hoffacker weiter.
Missbrauch ist strafbar
Bei aller Technik und Routine: In der Leitstelle sitzen auch nur Menschen, denen so mancher Anruf nicht mehr aus dem Kopf geht. Hoffacker: „Man erlebt hier einfach viele Dinge hautnah mit.“ Mit solchen Erinnerungen im Hinterkopf ärgern die Scherzanrufe besonders. Oft sind es gelangweilte Kinder in den Ferien. Es gibt sogar Leute, die rufen jede Nacht 300-mal
an. Nur, um schnell aufzulegen, oder um die Beamten zu beschimpfen. Aber auch hier hilft der Fortschritt. „Wir sehen jede Nummer, auch die von Handys. Wenn wir einen Missbrauch zurückverfolgen können, gibt es eine Anzeige.“
Das Anstrengende: Auch wenn der Mitarbeiter sieht, dass schon wieder ein Störenfried anruft - annehmen muss er das Gespräch. Diesmal könnte der Mensch am Telefon ja wirklich Hilfe brauchen.
