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Erste Hilfe für die Seele

H105/02 - hinter dieser kleinen Kombination verbirgt sich viel. Sie steht für einen Hilfeleistungseinsatz der Feuerwehr Moers auf der Autobahn 57. Am 1. März 2002 geriet hier ein Lkw auf die Gegenfahrbahn und stieß mit mehreren Pkw und einem Kleinlaster zusammen. Mehrere Menschen starben. Dies war der erste reale Einsatz für die Einsatzgruppe Sanitätstechnik der Feuerwehr. Eine Einheit, die bei einer großen Anzahl Verletzter in Aktion tritt. Mit dabei hatten sie ihr Schnelleinsatzzelt für die Versorgung von Verletzten. Die aber wurden nach der Versorgung durch die Notärzte direkt in die Krankenhäuser gebracht. Das Zelt sollte die leblosen Körper der drei Toten aufnehmen, so lange bis die Unfallermittler ihre Arbeit abgeschlossen hatten. Ein Umstand, den viele der jüngeren Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr nicht ganz verstehen konnten. Schließlich sollte es doch professionelle Hilfe bedeuten und kein Totenzelt sein. Auch Bastian Röös, Student und bei der Feuerwehr Scherpenberg aktiv, hatte nach diesem Einsatz immer wieder die Bilder von den toten Unfallopfern vor Augen.

Oft hat es auch schon unter Feuerwehrleuten und Rettungsdienstmitarbeitern Opfer gegeben. Weil die mit der Fülle von belastbaren Einsatzsituationen nicht mehr umgehen konnten. Es fehlte das Ventil. Ein Brandeinsatz in Asberg vor gut zehn Jahren war damals der ausschlaggebende Punkt, im Kirchenkreis in die Notfallseelsorge einzusteigen. Die Feuerwehrleute konnten nicht mehr ins Gebäude, weil sie sich sonst selbst gefährdet hätten. Und das obwohl noch Personen eingeschlossen waren, erinnert sich der Kapellener Pfarrer Kurt Heyser. Also initiierte er eine Anlaufstelle für Helfer wie auch Opfer. Anfangs haperte es aber noch mit der Umsetzung. Die Alarmierung der Pfarrer war nicht zuverlässig. Die Situationen, wann ein Geistlicher zum Einsatz gerufen werden sollte, waren nicht festgelegt. Erst in den letzten Jahren wurde das System der Notfallseelsorge professionell bei Polizei und Rettungsdiensten integriert, flächendeckend einsatzbereit ist es im Kreis Wesel seit Oktober 2000. 19 Pfarrer sind seitdem für den linksrheinischen Teil des Kreises Wesel zuständig. Wöchentlich wechseln sich Pfarrer ab. Katholische und evangelische Geistliche teilen sich die Arbeit.

Die Leitstellen von Feuerwehr und Polizei sind es, die die Geistlichen bei besonderen Einsätzen per Handy alarmieren. Das können erfolglose Wiederbelebungsversuche, plötzlicher Kindstod oder auch Selbstmordversuche sein. Ein bis zwei Mal in der Woche, schätzt der Kapellener Pfarrer, kommen die Seelsorger zum Einsatz. Auch um Todesnachrichten zu überbringen. Letzte Woche wurde ich drei Mal verständigt. Auf Anforderung des Rettungsdienstpersonals, des Notarztes und der Polizei. Und bei allen drei Malen war es auch sehr sinnvoll. Kommt es in Notfällen im häuslichen Bereich, versucht der diensthabende Pfarrer zunächst einmal den zuständigen Geistlichen der Gemeinde zu erreichen. Bei Unfällen, Bränden oder anderen Notlagen fahren Heyser und seine Kollegen direkt zur Einsatzstelle. Im Gepäck immer den Metallkoffer Notfallseelsorge des Kreises Wesel. Eine gelbe Warnweste und der Feuerwehr-Helm mit der Aufschrift Notfallseelsorger sind darin. Dazu eine Taschenlampe, Straßenkarte, Meldeprotokoll, der Ordner mit den Dienstplänen. Daneben liegen noch die Bibel, eine Packung Zigaretten, ein Stofftier, Bonbons und Kaugummis.

In den meisten Fällen ist es egal, welche Konfession die Angehörigen haben. Meist reicht die Anwesenheit und das Verständnis eines Pfarrers. Dann setzen sie sich mit etwa mit weiteren Angehörigen in Verbindung, begleiten die Menschen bis ins Krankenhaus. Wie bei dem Suizidversuch, zu dem er letztens gerufen wurde. Die Krankenhaus-Pfarrerin konnte am nächsten Tag seine Arbeit fortführen. Alles, damit der Mensch nicht alleine ist. Etwa die 80-jährige Dame, die gerade ihren Ehemann verloren hat. Das ist auch nicht der Zeitpunkt für Sinn-Fragen. Es geht mehr um das gemeinsame Aushalten. Erste Hilfe für die Seele. Manchmal dauert so ein Einsatz aber auch schon mal länger. Da begleiten die Notfallseelsorger die Angehörigen bis zur Beerdigung, helfen beim Verarbeiten der Trauer. Oder auch noch länger. Es sind für die Menschen halt absolute Krisensituationen.

Ein wenig schwierig gestaltet sich manches Mal der Umgang mit muslimischen Familien. Wenn bei einem Notfall im Haus, und nur die Ehefrau ist zuhause und niemanden ins Haus lassen will. Dann ist es schon hilfreich, eine Pfarrerin oder Polizistin dabei zu haben. Aber die muslimische Bevölkerung sei sonst relativ unproblematisch. Sie wissen sich meist zu helfen. Dort die familiären Bindungen meist sehr stark ausgeprägt.

Im Grunde ist unsere Arbeit nichts anderes, was zu den Aufgaben einer normalen Gemeinde gehört. Eben ein wichtiger Teil der Seelsorge. Auf den sich die Pfarrer mit Fortbildungen und Lehrgängen vorbereiten. Und sich auch gegenseitig ein offenes Ohr bieten. Denn auch an ihnen geht nicht alles spurlos vorüber

Auch die Helfer brauchen mal Hilfe: Feuerwehrleute, Rettungsassistenten, Polizeibeamte. Etwa nach einem solchen Unfall wie auf der A57. Am Nachmittag des nächsten Tages setzte sich ein Teil der Einsatzkräfte zum Debriefing mit einem der Notfallseelsorger an einen Tisch und sprach über Gedanken und Empfindungen. Meistens ist es schon das Reden, was hilft. Denn viele haben zunächst Angst sich zu öffnen. Dabei plagen die Kollegen meist ähnliche Bilder. Die bleiben oft im Kopf hängen. Auch bei Bastian Röös. Aber sie sind ganz selten geworden. Dank des Gesprächs. Deshalb ist es besonders wichtig, sich nach oder während belastenden Einsätzen professionell mit diesen Bildern zu befassen.